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Der nächste Morgen

 Am nächsten Morgen zeigte sich ein Bild des Grauens. Ein Bild, was man nur aus Kriegsgebieten kennt. Mittlerweile haben wir alle die Bilder in den Medien gesehen. Sie übersteigen allerdings unsere Vorstellungskraft. Es macht uns Schwierigkeiten, die Realität hinter den Bildern zu erkennen. Wir verstehen nicht, dass Wasser eine derartige Kraft entwickeln kann, ganze Häuser mitzureißen, in sekundenschnelle im Haus meterhoch anzusteigen und eine solche Verwüstung zu hinterlassen. Wir sind bislang nur überflutete Keller gewohnt. Ich versuche mir vorzustellen, wie es ist, wenn die Menschen morgens aus ihren Notunterkünften vor die Tür gehen. Ich denke, sie sind entsetzt, schauen in das Gesicht des Nachbarn und erkennen, dass diese auch alles verloren haben. Sie wissen wahrscheinlich, dass sie es allein, aus eigener Kraft nicht schaffen werden, alles wieder aufzubauen und Hilfe brauchen. Gleichzeitig kommt die Sorge in ihnen hoch, dass es einige Nachbaren wahrscheinlich nicht gesch...

In Sicherheit

 Bei den Nachbarn  - zwar zunächst in Sicherheit - entspannte sich die Lage allerdings nicht. Pia, Menno, Marijn und Femke beobachteten das steigende Wasser und konnten auch in der Dunkelheit erkennen, dass das Wasser mit einer ungeheuren Kraft alles mitriss. Anfangs funktionierte der Handyempfang noch. Wir erhielten weitere Nachrichten von Pia, die befürchtete alles verloren zu haben. Wir versuchten ihr Mut zu machen. Im Laufe der Nacht mussten sie wieder weiter höher fliehen. 

Die Flucht

 Am späten Abend waren die van den Brekels noch wach. Sie beobachteten die Feuerwehrleute, die auf der Straße waren und ruhig und souverän an die Häuser klopften und die Menschen aufforderten, ihre Häuser zu verlassen. Pia war gerade in den Keller gegangen, als sie bemerkte, dass die Rigips Platten von den Wänden sprangen und in sekundenschnelle Wasser eindrang. Das Wasser stieg dramatisch meterhoch an. Für nichts blieb mehr Zeit. Sie mussten das Haus Hals über Kopf verlassen. Femke hatte noch nicht mal Zeit, ihr Handy mitzunehmen. Es konnte nichts Wertvolles  gesichert werden. In den mehr als 20 Jahren, die sie in dem Haus wohnten, war das Haus nie in einer solchen Gefahr. Damit haben sie nicht gerechnet - schließlich wohnen sie ein ganzes Stück von der Ahr entfernt. Sie flüchteten zu Nachbarn, die noch höher wohnen.  Schon auf dem Weg waren erste Zeichen der Verwüstung zu sehen und zu hören. Wir erhielten bald schon eine  erste WhatsApp in der Familiengruppe, dass ...

Der Nachmittag der Flutkatastrophe

 Es gab im Vorfeld Warnungen und es regnete schon seit Tagen. Doch mit dem, was auf die Menschen zukam hatte niemand gerechnet- schließlich sind sie hochwassererprobt. Der Höchststand im Jahr 2016 lag bei 3,80m. Die Anwohner brachten Gartenmöbel und Autos in Sicherheit und dachten zu der Zeit noch, ihre Keller würden wie gewohnt überflutet. Mit überfluteten Kellern haben sie Erfahrung und das hätten sie im Griff gehabt. Seit dem Nachmittag beobachteten sie die Lage. Auch die Presse berichtete vor Ort. Feuerwehrleute und Experten waren alarmiert, um die Menschen zu warnen. Am Ende sprengte die Flut jede Rekorde und lag mindestens zwei Meter über dieser Rekordmarke, wahrscheinlich aber mehr. Das lässt sich heute nicht mehr genau sagen, denn weiter gingen die Pegelwert nicht mehr. Davon aber später mehr.

Der Lucia Markt

 Jedes Jahr findet in Rech zur Vorweihnachtszeit der Lucia-Markt statt. Das ist ein ganz besonderer Weihnachtsmarkt. Der Höhepunkt ist der Umzug der schwedischen Lichterkönigin  Lucia. Dann verwandeln Pia und Menno zusammen mit ihren Freunden und Kuchenspenden ihr Kellergewölbe zu einem Café mit einem ganz besonderen Ambiente. Menno, Pia  und ihre Freunde veranstalten diese Aktion jetzt seit ungefähr 20 Jahren in ihrem Haus - unsere Kinder waren zum Teil noch nicht geboren und Oma und Opa lebten noch. Schon im letzten Jahr musste der Lucia Markt in der Vorweihnachtszeit wegen Corona abgesagt werden.  Die Einnahmen werden jedes Jahr an die Krebsstation im Kinderkrankenhaus gespendet. Sie haben mit dieser Aktion von 2001 bis 2016 - wie man auf der Homepage des Förderkreis Bonn e.V erfährt 70.700 Euro gespendet und seit dem kommen jedes Jahr über 5.000 Euro hinzu. Aber schon jetzt ist klar, den Lucia Markt in Rech wird es so in den nächsten Jahren nicht mehr geben. ...

Das Haus von Pia und Menno

 Pia und Menno haben die alte Kneipe in dem beschaulichen Rech an der Ahr liebevoll restauriert und umgebaut. Jahrelang konnten wir jeden Fortschritt bewundern. Das Esszimmer, die Küche, die Kinderzimmer, das Schlafzimmer, der Flur, die Badezimmer, die Terrasse, der Garten und dann auch die Remise. Mal wurde das Dach gemacht und mal die Fassade. Immer haben Menno und Pia geplant und mit angepackt und das Haus schließlich zu einem Juwel im Ahrtal gemacht. Viele Menschen sind aus der Region oder ganz Deutschland gekommen, um in den Weinbergen wandern und die hübschen Häuser zu bewundern. Auch ich habe meinen jährlichen Besuch aus Colorado, USA ins Ahrtal geführt und bei Pia und Menno immer tolle Gastgeber gefunden. Vielen wird jetzt bewusst, dass hier nicht nur für die Bewohner etwas Wertvolles und ein Stück Heimat verloren ist.   . 

Die Flutkatastrophe

 Mein Name ist Michaela und ich schreibe den Blog für meine Schwägerin Pia und ihre Familie. Sie sind von der Flutkatastrophe an der Ahr schwer getroffen. Ich möchte mit diesem Blog dokumentieren, wie katastrophal das Schicksal hier zugeschlagen hat. Das war kein einfaches Hochwasser, das war wie eine Apokalypse oder ein Tsunami. Menschen, denen es gut ging, haben alles verloren. Menschen sind mit ihren Häusern fortgeschwemmt worden, als wäre über Playmobilhäuser ein Eimer Wasser geschüttet worden. Ich kenne solche Bilder sonst nur aus den USA und habe immer gedacht, das läge dort an der leichten Holzbauweise. Aber hier wurden massive Steinhäuser einfach weggerissen. So viele Menschen haben ihr Leben verloren. In Dernau gab es am 20.07.2021 eine 19 minütige Schweigedauer für die 19 Opfer der Flutkatastrophe - und Dernau ist nur ein kleines Dorf. Im Ahrtal kennt jeder jeden. Jeder kennt Opfer und ist auch selbst Opfer - auch wenn man mit dem Leben davon gekommen ist. Menschen haben ...